3×3 Blindlösen lernen – für Anfänger (Teil 2: Ecken)

Teil 1: Kanten

  • Was wir brauchen
  • Grundsätzliches
    inkl. Speffz-Buchstabensystem
  • Ein erster „sehender“ Kanten-Blindsolve
    inkl. T-Perm, J-Perm, L-Perm
  • Setup Moves
  • Liste der Setup-Moves für Kanten
  • Neuer Cycle
  • Ein „richtiger“ Kanten-Blindsolve
  • Flips
  • Kanten-Solves üben

Hier im zweiten Teil meiner Einführung zum Blindlösen des Zauberwürfels für Newbies geht es hauptsächlich um die Ecken. Wie auch im ersten Teil beschränke ich mich auf möglichst einfache Möglichkeiten mit möglichst wenig Verwirrungs-Potential. Ihr werdet sehen, dass vieles ganz ähnlich wie bei den Kanten abläuft

Wie auch bei den Kanten in Teil 1 verwenden wir für die einzelnen Positionen der Ecken das Speffz-System. Es zählt genauso wie die Kanten, also Oberseite A-D, links E-H, vorne I-L, rechts M-P, hinten Q-T und unten U-X. Begonnen wird auf jeder Seite oben links, und es geht natürlich auch im Uhrzeigersinn.

Als Buffer nehmen wir für die Ecken aber den Platz A. Die anderen Ecken kann man von dort leicht mit einem einzigen Perm erreichen, dem Y-Perm. Beginnen wir wieder mit einem Simpel-Solve:

Ein erster Mini-Eckensolve

Zunächst halten wir den (zuvor gelösten) Cube wieder in unserer Blindsolving-Lage und „scrambeln“ ihn mit dieser Zugfolge, die eigentlich die Anfängerlösungs-Version des Aa-Perm ist:

(R‘ D‘ R) U2 (R‘ D R) U‘ (R‘ D‘ R) U‘ (R‘ D R)

Weil der Buffer für die Ecken A lautet, schauen wir zunächst dort (also hinten links auf der Oberseite), welcher Eckstein dort sitzt. Es ist die Ecke, die auf den Platz C gehört, also diagonal gegenüber. Dort auf C steht die Ecke, die auf B gehört. Wenn sie dorthin geschossen wird, kommt die Buffer-Ecke nach A, so dass der Cube gelöst ist.

Das Memo lautet also CB. Vielleicht denkt Ihr dabei an CB-Funkgeräte, an die ComputerBild, oder woran auch immer.

Doch bevor wir uns daran machen, dieses komplizierte Memo auszuführen, noch einmal die gleiche Überlegung wie schon bei den Kanten in Teil 1: Es gibt keine Zugfolgen, die ausschließlich zwei Ecken tauschen, ohne auch zwei Kanten zu tauschen. Wir brauchen also auch hier zwei Kanten, die immer hin und her tauschen. Bei einer geraden Anzahl Tauschvorgänge stimmen sie am Ende wieder. Ansonsten haben wir Parity, dazu später mehr.

Diesmal nehmen wir die Kantenplätze A und D für dieses SchwippSchwapp beim Lösen der Ecken. Also die Kanten hinten und links, die tauschen bei jedem Schritt wild hin und her. Lieber die Augen zu machen, sonst irritiert uns das noch. 😉

Um den Eckstein im Buffer A diagonal zu tauschen mit dem Eckstein auf Platz C, verwenden wir den Y-Perm. Er macht genau das, was er soll, nämlich in der richtigen Position die gewünschten Ecken und die notwendigerweise auch wechselnden Kanten zu tauschen. Und so geht der Y-Perm:

(F R) U‘ R‘ U‘  (R U R‘ F‘)  (R U R‘ U‘)  R‘ F R F‘

Dies wird also unser wichtigster Perm für das Blindlösen der Ecken. Der einzige, den wir wirklich brauchen.

Für alle weiteren Eck-Plätze B und D bis X brauchen wir natürlich Setup Moves, die auf den Platz C hinführen. Dabei müssen wir daran denken, dass sie auch die beiden Kantensteine, die immer mittauschen (A und D), nicht durcheinanderbringen.

Der nächste Buchstabe in unserem Memo ist B. Um den Eckstein im Buffer A mit dem Stein an Ecke B zu tauschen, müssen wir also einen Setup Move finden, der Ecke B vorübergehend an Position C bringt. Dann den Y-Perm, und dann den Setup Move rückwärts. Und das geht so:

R2 D R2, Y-Perm, R2 D‘ R2

Das sieht komplizierter aus als es ist. Durch R2 gerät die Ecke zunächst nach vorne rechts auf der Unterseite (an die Position V). Mit D wird sie dann nach hinten gebracht (an die Position W), so dass sie mit dem nächsten R2 vorne rechts auf der Oberseite landet (also an die Position C, wo der Y-Perm ja tauscht). Probiert es mal sehend aus und versucht dann, es mit geschlossenen Augen nachzuvollziehen. Eventuell ruhig mal mit dem Daumen auf der Ecke B.

Damit ist das CB Memo also fertig und der Cube sollte gelöst sein.

Für die Ecke D geht der Setup Move übrigens ganz ähnlich:
F2 D R2, Y-Perm, R2 D‘ F2
Nach F2 landet die Ecke D vorne rechts auf der Unterseite auf Position V, also wo eben auch die Ecke B mit R2 hingekommen war. Ab da geht es dann identisch weiter.

Diese beiden Fälle, B und D, sind schon die längsten Setup Moves, die benötigt werden. Die einzigen, die aus 3 Zügen bestehen. Wer das nicht mag, der kann sich für die Plätze D und B auch mit J-Perm und L-Perm behelfen, denn die vier beteiligten Steine bilden ja ein J bzw. ein D, wenn auch in falscher Lage. Dann braucht man nur Drehungen U2 bzw. U als Setup Moves. Aber Vorsicht: Weil der J-Perm auf U‘ endet, und danach der Setup Move U2 zurückgenommen wird, besteht da Unfallgefahr. Wäre schade, wenn man sich wegen dem U (oder U‘ oder U2, was hab ich jetzt gedreht?) den Blindsolve versaut.

Liste der Setup Moves für Ecken

Wie schon bei den Kantensteinen sind auch hier bei den Ecken die meisten Setup Moves selbsterklärend und intuitiv. Man muss sie also nicht auswendig lernen, sondern verstehen. Trotzdem jetzt die vollständige Liste zum Nachschlagen:

  • A) (Buffer)
  • B) R2 D R2, Y-Perm, R2 D‘ R2 (oder U, L-Perm, U‘)
  • C) Y-Perm
  • D) F2 D R2, Y-Perm, R2 D‘ F2 (oder U2, J-Perm, U2)
  • E) (Buffer-Twist)
  • F) F, Y-Perm, F‘
  • G) L‘ F, Y-Perm, F‘ L (oder D R, Y-Perm, R‘ D‘)
  • H) L2 F, Y-Perm, F‘ L2 (oder D2 F‘, Y-Perm, F D2)
  • I) F2 R, Y-Perm, R‘ F2
  • J) F R, Y-Perm, R‘ F‘
  • K) R, Y-Perm, R‘
  • L) F‘ R, Y-Perm, R‘ F
  • M) R‘ F‘, Y-Perm, F R
  • N) R2 F‘, Y-Perm, F R2
  • O) R F‘, Y-Perm, F R‘ (oder D‘ R, Y-Perm, R‘ D)
  • P) F‘, Y-Perm, F
  • Q) R‘, Y-Perm, R
  • R) (Buffer-Twist)
  • S) D2 R, Y-Perm, R‘ D2
  • T) D‘ F‘, Y-Perm, F D
  • U) D2 R2, Y-Perm, R2 D2
  • V) D R2, Y-Perm, R2 D‘
  • W) R2, Y-Perm, R2
  • X) D‘ R2, Y-Perm, R2 D

Bei den Positionen G und H auf der linken Seite, sowie bei O auf der rechten Seite, habe ich in Grau jeweils einen alternativen Weg zur Position C hingeschrieben, die ich aber allesamt nicht empfehlen möchte. Ich finde es logischer, G und H erst auf die Position F zu stellen, also zunächst die linke Seite zu drehen, bevor sie ganz einfach durch eine Drehung der Front an die Tausch-Position C gelangen. Ebenso bringe ich M, N und O erst durch Drehung der rechten Seite auf die Position P, von wo sie dann durch eine F‘-Drehung an den Tauschplatz gelangen. So ist links und rechts das Vorgehen einheitlich und man kommt nicht durcheinander. Falls Euch aber aus irgendwelchen Gründen doch der andere Weg bei G, H und O besser gefällt, dann achtet darauf, auch auf dem Rückweg den gleichen Weg zu gehen. Also entscheidet Euch fest für eine Version, sonst gibt es Chaos.

Ein „richtiger“ Ecken-Blindsolve

Wie schon in Teil 1 für die Kanten habe ich mit qqTimer einen Scramble herausgesucht, den wir als Beispiel-Solve nehmen. Mit „Scramble type: 3x3x3 subsets“ und „corners only“ bekommt man Scrambles, bei denen alle Kanten schon gelöst sind. Haltet also Euren Cube gemäß Eurem Blindsolving-Farbschema und führt dann folgenden Scramble aus.

R2 B‘ U‘ R2 U R2 B U‘ F2 U B2 L2 F2 U B2 R2 D R2

Wenn Ihr es richtig gemacht habt, ist also auf jeder Seite bereits ein Kreuz gelöst, und nur die Ecken sind vermischt.

Zu Beginn der Memo-Phase des Solves schaue ich erst einmal nach bereits gelösten Steinen (hier: Ecken) und auch nach Steinen, die am Platz verdreht sind. Auf der Oberseite sollte Euch auffallen, dass am Buffer-Platz A die richtige Ecke sitzt, aber verdreht (die Farbe der Oberseite dieser Ecke gehört links nach E). Auf der Unterseite sieht man, dass die Ecke hinten links (bei meiner Farbanordnung die „italienische“ weiß-grün-rote Ecke) bereits gelöst ist und die Ecke hinten rechts (die „holländische“ weiß-rot-blaue Ecke) ist getwistet. Sie müssen wir später gegen den Uhrzeigersinn drehen, also von O nach W.

Nun beginnt das eigentliche Memo. Weil der Buffer-Stein bereits auf der Buffer-Position sitzt (wenn auch verdreht), müssen wir gleich mit einem neuen Cycle beginnen. Wir schießen ihn also auf eine leicht erreichbare Position, die noch nicht gelöst ist. Nehmen wir dafür in Gedanken C. Auf Platz C sitzt die Ecke, die nach U gehört. CU ist das erste Letterpair. Wir Oldtimer im Netz denken dabei vielleicht an die Schlussformel von E-Mails, wo CU für „See You“ steht. Manche nehmen für CU auch das Merkwort für Kupfer, dessen Elementsymbol bekanntlich Cu ist. Aber, Verwechslungsgefahr: Andere nehmen KU für Kupfer auf Deutsch, wieder andere CO für Copper auf Englisch. Es empfiehlt sich sich für eine Variante zu entscheiden.

Weiter im Memo: Auf Position U steht die Ecke mit der Seite, die nach P gehört. Und von P geht es weiter nach B. PB ist eine Abkürzung, die Speedcuber zu gut kennen (Persönliche Bestzeit). Aber gut zu visualisieren ist das nicht. Wir könnten also bei den chemischen Elementen bleiben und und Kupfer + Blei merken, CU PB. Bestimmt fällt Euch was Besseres ein.

Auf B sitzt die Ecke, die nach D gehört. Und von dort geht es nach C, wo wir ja unseren Puffer-Eckstein zwischengeparkt hatten. Der Cycle ist damit geschlossen. CU PB DC. Doch wird der Cube damit gelöst sein?

Nein, denn wir haben ja noch die gedrehte Ecke hinten unten rechts. Wegen ihr ist auch der Stein im Buffer noch nicht richtig orientiert. Also müssen wir uns den Twist der Ecken hinten unten rechts noch merken. Ich merke mir bei Ecken-Twists immer nur den Buchstaben, der die Farbe der Oberseite bzw. Unterseite trägt. Hier sieht man die Unterseitenfarbe auf O. Sie gehört dann nach W. Merken muss ich mir aber nur das O – und dass sie getwistet werden muss.

Ähnlich wie bei den Kanten-Flips, bei denen ich mir die Buchstaben als Erdnuss-Flips vorstelle, die ich esse, merke ich mir die Corner-Twists als entsprechend dem Buchstaben geformtes Gummitwist. Also stelle ich mir hier ein Gummiseil vor, das in Form eines O auf dem Fußboden liegt. Ob Erdnussflips und Gummitwists auch für Euch eine gute Memo-Methode sind, müsst Ihr selbst rausfinden. Bestimmt schreiben andere Blindsolver gerne in die Kommentare, wie sie damit umgehen.

Also CU PB DC, Chemisch Kupfer und Blei, sowie das Kapitol. Davor liegt ein Gummitwist in Form eines großen O.

So in der Art kann man versuchen, sich CU PB DC + O-Twist zu merken. Weiter unten, wo es um komplette Solves mit Kanten UND Ecken geht, schreib ich noch was mehr zum Memorieren und habe auch ein paar hilfreiche Links für Euch.

Nun würde ich empfehlen, dies wenigstens einmal sehend und dann einmal blind zu üben. Wenn’s noch nicht so gut klappt, macht nach jedem Letterpair mal ein Auge auf und schaut, ob Ihr noch auf dem richtigen Weg seid. Denn fieserweise hat dieses Memo auch die beiden Buchstaben B und D drin, die mit den längeren Setup Moves.

Falls Ihr noch ein paar weitere Nur-Ecken-Solves machen möchtet: Scrambles gibt es wie gesagt im qqTimer.

Tipp: Corner-Only Blindsolves bringen ein schnelles Erfolgserlebnis, weil man nur ein kurzes Memo hat. Und im Prinzip genauso funktionieren auch 2x2x2 Blindsolves, denn ein 2×2-Cube hat ja ausschließlich Ecken. Wichtigster Unterschied: Man muss bei 2×2-Blindsolves weder auf mittauschende Kanten noch auf Centersteine Rücksicht nehmen. Wenn man also seine Farbanordnung gut kennt und beim Memo zum Beispiel sieht, dass 2 Ecken schon korrekt nebeneinander liegen, kann man diese direkt so halten, dass sie als gelöst gelten. Dann hat man maximal nur noch die anderen 6 Ecken zu sortieren. Das macht Spaß und ist auch Bestandteil der Weekly Competition.

Ablauf eines kompletten Blindsolves

Nach all den separaten Kanten- und Ecken-Blindsolves wird es nun langsam Zeit, beides zusammenzuführen und einen 3×3 Zauberwürfel komplett zu lösen. Bevor wir das konkret in Angriff nehmen, erst noch ein wenig langatmiges Geschwafel. 😉

Erst einmal die Frage, in welcher Reihenfolge Ecken und Kanten gelöst werden. Hier in diesem zweiteiligen Artikel habe ich mich entschieden, erst die Kanten und dann die Ecken zu behandeln. Und dies ist auch die Reihenfolge, wie ich beim Memorieren (Einprägen) vorgehe. Lösen tu ich die beiden Teile dann aber anders herum. Also:

Kanten einprägen, Ecken einprägen, Blindfold runter, Ecken lösen, Kanten lösen

Auf den ersten Blick mag es unlogisch erscheinen, das Lösen in umgekehrter Reihenfolge zu machen als das Memo. Und doch machen das m.W. die meisten Cuber. Also entweder „ECCE“ oder „CEEC“, „Edges-Corners-Corners-Edges“ oder „Corners-Edges-Edges-Corners“. „ECEC“ oder „CECE“ funktioniert zwar auch, hat aber m.W. keine wirklichen Vorteile.

Denn Ecken einprägen, Kanten einprägen, Blindfold runter, Kanten lösen, Ecken lösen, das geht natürlich genauso. Der Grund, warum man den zuletzt memorierten Teil als erstes ausführt ist dieser: Man kann dann das zweite Memo etwas lockerer nehmen, weil es nur wenige Sekunden halten muss.

Ich präge mir also die Kanten möglichst fest ein. Mein Ecken-Memo ist vielleicht nur halb so gut, aber weil ich es direkt danach ausführe, reicht es trotzdem. Danach kommen dann die Kanten dran, aber deren Memo habe ich mit mehr Sorgfalt im Kopf festgedübelt.

Da es 12 Kanten, aber nur 8 Ecken gibt, habe ich mich entschieden. Die 8 Ecken (also das kürzere Memo) in die Mitte zu nehmen, also mit dem Einprägen der Kanten zu beginnen. Wäre mein Kopf weniger löchrig, hätte ich es vielleicht anders herum gemacht.

Der komplette Solve sieht bei mir also so aus:

  • Timer Start und Cube-Cover abnehmen
  • Cube in meine Blindsolving-Lage rotieren
  • Suche nach gelösten Steinen, nach Flips und Twists
  • Kanten-Memo einprägen
  • ggf. Parity einprägen (wenn das Kanten-Memo eine ungerade Zahl hat)
  • Ecken-Memo einprägen (das muss ebenfalls wie das Kanten-Memo ungerade oder gerade sein, entsprechend Parity oder nicht. Sonst Fehlersuche…)
  • Blindfold runter, Augen zu. Im Wettbewerb nicht erschrecken, wenn der Judge sicherheitshalber noch ne Pappe dazwischen hält und diese ggf. gegen die Nase drückt.
  • Ecken lösen, auch die Twists nicht vergessen
  • ggf. Parity-Alg ausführen
  • Kanten lösen, auch die Flips nicht vergessen
  • Timer Stop und Augenbinde hoch. Und Augen öffnen, ohne vorher zu wissen, ob der nächste Gesichtsausdruck Freude oder Frust zeigen soll.

Beim Blindlösen wird also die Einpräge-Zeit immer komplett mitgezählt, ebenso natürlich das Aufsetzen der Augenbinde. Manche Timer (beispielsweise in den Blind-Events der Weekly Competition) bieten die Möglichkeit, eine Zwischenzeit zu stoppen. Man startet den Timer mit der Leertaste, drückt die Leertaste ein zweites Mal am Ende des Memos (quasi beim Senken der Blindfold) und dann ein drittes Mal am Ende des Solves.

Nachdem nun mehrfach von Parity die Rede war, wird es Zeit, uns damit zu befassen:

Parity

Bevor wir uns dem ersten kompletten Blindsolve zuwenden, müssen wir verstehen, was mit Parity bei 3×3 Blindsolves gemeint ist. Immerhin geht das Gerücht, Parity gäbe es doch auf dem 3×3 Zauberwürfel gar nicht. Das stimmt sogar, was Big Cube Parity (also OLL Parity und PLL Parity) angeht. Aber beim Blindlösen ist etwas Anderes damit gemeint.

Bisher hatten wir ja sowohl bei den Kanten-Blindsolves und auch bei den Ecken-Blindsolves immer nur eine gerade Anzahl von Perms. Das ist kein Zufall, sondern liegt darin begründet, dass bei den Kanten-Solves die Ecksteine ja schon gelöst waren (und umgekehrt). Im „echten Leben“ ist es aber leider nicht so. Da kann es genauso oft vorkommen, dass unser Kanten-Memo eine ungerade Zahl hat. Beispielsweise 5 Letterpairs, aber noch ein einzelner Buchstabe.

Wichtig ist zunächst einmal festzuhalten: Wenn Euer Kanten-Memo eine gerade Zahl von Perms hat (also kein Parity), dann muss Euer Ecken-Memo auch eine gerade Zahl haben. Und wenn Euer Kanten-Memo ungerade ist (also ein einzelner Buchstabe nach den Letterpairs übrig bleibt, somit Parity), dann muss das Ecken-Memo ebenfalls eine ungerade Zahl Schritte haben. Die beiden Memos sind immer entweder beide gerade oder beide ungerade. Sonst ist entweder der Cube falsch zusammengebaut worden (zum jetzigen Zeitpunkt eher unwahrscheinlich), oder aber (und das ist deutlich wahrscheinlicher), es steckt irgendwo ein Fehler in einem der beiden Memos. Viel Spaß beim Suchen.

Wenn beide Memos gerade sind, dann läuft es so glatt wie in den bisherigen Versuchen von Nur-Kanten-Solves bzw. Nur-Ecken-Solves. Das jeweils andere „Memo“ hatte ja 0 Züge, weil ja alle Ecken bzw. alle Kanten bereits gelöst waren. Und Null zählt bekanntlich als gerade Zahl, weil sie ohne Rest durch 2 teilbar ist (und weil sie vor der ungeraden 1 steht). Somit waren unsere Memos bisher alle geradzahlig, ohne Parity, wie wir Cuber sagen.

Wenn man allerdings ein ungerades Memo ausführt (zum Beispiel ein Ecken-Memo mit 5 Buchstaben), dann stehen natürlich am Ende die beiden automatisch immer mittauschenden Kanten vertauscht. Sie stehen also nicht mehr so, wie sie beim Einprägen standen. Es ist also nötig, das irgendwie auszugleichen. Sonst tauscht das Kanten-Memo die falschen Kanten und alles gerät durcheinander.

Wir bräuchten also einen Zug, der nach dem Ausführen des ersten Memos (Ecken) und vor dem Ausführen des zweiten Memos (Kanten) dieses Parity-Problem ausgleicht, damit die Kanten dann auch dort stehen, wo man sie sich eingeprägt hat. Glücklicherweise ist so ein Algorithmus bereits vor Jahren für die Fridrich-Methode (CFOP) erfunden worden. Er nennt sich R-Perm, und er geht in der von uns benötigten Lage so:

R U R‘ F‘ (R U2 R‘ U2) R‘ F R U (R U2 R‘ U‘)

Wie man sieht, tauscht dieser R-Perm in dieser Lage sowohl die beiden rechten Ecken, die beim Kantenlösen immer hin und her wechseln, als auch die beiden Kanten hinten und links, die beim Eckenlösen immer miteinander tauschen.

Wenn wir also zunächst die Ecken lösen und dadurch bei Parity die beiden Kanten getauscht wurden, gleicht der R-Perm das aus. Zwar sind jetzt auch zwei bereits gelöste Ecken vertauscht. Aber weil das Kanten-Memo ja bei Parity ebenfalls ungerade ist, hebt sich das am Ende wieder auf.

Genauso funktioniert dieser Parity-Algorithmus natürlich auch, wenn Ihr mit dem Lösen der Kanten beginnt. Dann stehen am Ende dieses Teils zwei Ecken falsch. Der R-Perm korrigiert diese, damit auch das Lösen der Ecken funktioniert. Dass er dabei auch zwei eigentlich schon gelöste Kanten tauscht, ist gewünscht, weil ja auch das zweite Memo bei Parity eine ungerade Zahl Buchstaben hat, so dass es am Ende wieder stimmt. Pure Mathemagie ist das. 🙂

Damit ich Parity möglichst nicht im Eifer des Gefechts vergesse, also damit ich merke, wenn ein einzelner Buchstabe im Memo übrig geblieben ist, nehme ich für diesen Buchstaben gewöhnlich ein Tier, das neben dem Gegenstand des letzten Letterpairs sitzt. Das kann ein Dackel sein, ein Fuchs, ein Igel, ein Löwe, ein Stachelschwein oder was auch immer. Außer natürlich wenn der einzelne Buchstabe irgendwie anders an das letzte Letterpair dran passt. Wenn das Memo auf „CD U“ endet, dann stell ich mir keine CompactDisk mit einem Uhu vor, sondern Frau Merkel oder den seltsamen Armin.

Aber bestimmt schreiben erfahrenere Blindsolver gerne in die Kommentare, wie sie das machen mit dem Parity-Memo.

Ein vollständiger Blindsolve

Nun haben wir alles Rüstzeug für einen vollständigen Blindsolve. Auch ihn kann man natürlich zunächst sehend ausführen – und/oder in Etappen von beispielsweise je 2 oder 4 Letterpairs. Oder man memoriert zunächst 6 Kanten und 4 Ecken. Dann sieht der Cube schon halb gelöst aus. Dann memoriert man den Rest; der ist dann dementsprechend kürzer. Auf freshcuber.de könnt Ihr im Artikel Mein Weg zur Erblindung nachlesen, dass ich mir 2019 einen Monatsplan überlegt hatte, wie ich mich bis zum kompletten Blindsolve steigern könnte. Dann hat mich aber doch der Ehrgeiz gepackt und ich hab am 9. Dezember 2019 meinen ersten vollständigen Blindsolve-Success gehabt. Scramble und mein Memo könnt Ihr alles in dem Artikel finden. Auch die Info, dass ich mir zwar die Kanten mit Letterpairs (entlang einer Route) merke, aber für die Ecken Vier-Wort-Sätze bevorzuge. Dann bring ich die beiden Memos nicht so leicht durcheinander. Schaut mal rein, wenn Euch das interessiert. Und schreibt unter den Artikel, wie Ihr das macht…

Der folgende Scramble stammt im Prinzip vom aktuellen Blindsolving Single-Weltrekord (Tommy Cherry, Juli 2021), nur dass wir ihn in unserer Blindsolving-Ausrichtung des Cubes ausführen. Mal sehen, ob wir den so verdrehten Cube auch in 15,27 Sekunden memorieren und lösen können: 😉

F2 R2 U2 L‘ F2 D2 F2 D2 B‘ F‘ R‘ D‘ F2 R‘ U B D F U L

  • Erster Überblick: Kanten U und X gelöst, Kanten Q/A und S/W geflippt, Ecke N getwistet
  • Kanten-Memo: LE JR CO TH, Q-Flip, S-Flip.
    (Bei R beginnt ein neuer Cycle, der mit H endet. R/H gleicher Stein.
    Den neuen Cycle habe ich auf R gelegt, weil die Kanten auf D/E und L ja schon im Memo vorkamen.)
  • Vier Letterpairs + Flips, also gerade Zahl, kein Parity.
    (Flips haben je 2 Perms pro Flip, machen also bei Parity keinen Unterschied.)
  • Ecken-Memo: OC UP SF, N-Twist
  • Augen zu, etc. (Zwischenzeit, Blindfold)
  • Ecken lösen mit Twist, kein Parity-Alg.
    Vielleicht ging das Ecken-Memo so: Am OCean steht ein Laster von UPS, der mit dem Schiff nach SanFrancisco möchte. Vor dem Schiff liegt allerdings ein Twisted 3×3 mit N-Perm.
    Vielleicht aber auch so: Otto Chillt Unter Palmen Samt Frau, die natürlich ein Gummitwist in Form eines N auslegt.
  • Kanten lösen mit 2 Flips.
    Vielleicht ging das Kanten-Memo so: Vor der Haustür ein LeuchtEngel, vorne an der Straße steht JR Ewing, an der Kreuzung eine CO2-Flasche, vor der U-Bahn-Station singt Tokio Hotel. Ich greife in die Erdnussflips-Tüte und ziehe einen Flip in Form eines Q und noch einen in Form eines S.
    Zusätzlich hab ich mir die beiden direkt übereinanderliegenden Flips aber auch durch Antippen in ihrer Position gemerkt. Und wenn ich Zeit sparen will, drehe sie waagerecht auf die Oberseite. Einfach weil ich’s kann und sie ja direkt gegenüber stehen. So brauche ich nur einen Flip links an der Position D/E auszuführen, und der Zweite ist so lange der Buffer.

So, vielleicht könnt Ihr das so einigermaßen nachvollziehen. Wenn Euer Versuch (und vor Allem die Bilder für Euer Memo) etwas anders aussieht, dann kann das zum Beispiel daran liegen, dass Ihr den neuen Cycle nicht an R, sondern woanders begonnen habt. Was völlig okay ist.

Viel Spaß jedenfalls mit Euren ersten hoffentlich erfolgreichen 3×3-Blindsolves.

Lerntipps, Links und Video-Tutorials

Alle nötigen Voraussetzungen und Grundlagen habt Ihr nun zusammen, und hoffentlich auch schon zumindest einen kompletten Solve wenigstens sehend nachvollzogen. Doch wie geht man praktisch vor, beispielsweise beim Suchen und Lernen von Letterpairs?

Hier im Blog gibt es schon einige Artikel dazu, beide von Thomas:

Auch seine Artikel Wie lang ist das längste Old-Pochmann BLD Memo? und Wie lange ist ein durchschnittliches 3×3 BLD Memo? sind ganz interessant.

Die meisten allerdings lernen 3×3-Blindsolving durch Video-Tutorials. Es gibt da einige auf Deutsch und vor Allem auf Englisch. Aber leider erzählen manche auch veralteten und unpraktischen Kram wie Farbpaare statt Speffz. Ich bemühe mich, hier eine gute Auswahl zu präsentieren. Dass ein Video Farbpaare verwendet, heißt übrigens NICHT, dass es damit komplett ungeeignet wäre. Kann ja sein, dass es andere Sachen ganz toll erklärt. Nach diesem zweiteiligen Artikel seid Ihr hoffentlich auch selbst in der Lage zu erkennen, welche Tipps in Video-Tutorials Euch persönlich weiterbringen und welche in eine Sackgasse führen.

Danke an Thomas auch für seine Hilfe bezüglich der Video-Tutorials, die (wie hoffentlich alle externen Links hier im Blog) als neues Fenster/Tab auf Youtube öffnen. Zunächst mal Tutorials auf deutsch:

  • Rubik’s Cube blind – Pochmann Methode – deutsch von m0untainw0lf
    Thomas sagt: „Ich finde das ganz ok. Allerdings erklärt er das leider nicht mit Speffz sondern mit Farbpaaren. Aber der Weg mit den Setup-Moves usw. ist sehr ausführlich erklärt!
    Was er völlig kompliziert erklärt ist Parity (ab Minute 38:20).
    Gut finde ich auch, dass er eine Art Route erklärt. Er hat dann pro „Letter“ ein Nomen und ein Verb und baut sich daraus seine Routen.
    Das war mein erstes Blind-Tutorial und ich finde es weiter gut.“
  • Rubik’s Cube blind lösen – Tutorial von BoaToX
    Thomas meint: „Er hat einen Cube mit Letter-Beschriftungen. Farbschema aber rot vorne und nicht wie bei Dir orange vorne aber er hat das gleiche Buchstabensystem (also E auf L-Layer).
    Boatox macht in dem Tutorial als Parity BCB statt einen R-Perm ;-)“
    Roland ergänzt: „Wenn man am gelösten Cube mal B, C und nochmal B ausführt, dann hat man den kompliziertesten Ra-Perm aller Zeiten gemacht. :-)“

Links zu englischen Video-Tutorials kommen später.

Wie geht es weiter?

Zunächst kann man die Old Pochmann Methode noch ein Stück weit optimieren. Ich habe ja absichtlich nur de absoluten Basics erklärt. Beispielsweise verwenden viele OP-Blindsolver aber eine gekürzte Verson des Y-Perm. Der normale Y-Perm von CFOP beginnt ja mit F und endet auf F‘, und viele Setup Moves gehen ohnehin über die Ecken-Position P, so dass man das F und F‘ beim Y-Perm auch weglassen kann, wenn man die entsprechend gekürzte Version des Y-Perm verwendet. Der neue Target, wo die ganzen Setup Moves hinlaufen, ist dann nicht mehr C, sondern P.

Ich selbst hab mich (noch?) nicht darauf umgestellt, da ich es für eine weitere Fehlerquelle halte und meine miserablen Zeiten von 6-10 Minuten durch diese wenigen Sekunden auch nicht signifikant verringert werden.

Ein weiterer Tipp vieler Blindsolver ist, nur noch die Ecken nach Old Pochmann zu lösen und für die Kanten die M2-Methode zu verwenden. Der Name verweist auf die vielen M2-Drehungen, also Doppeldrehungen des mittleren Layers. Vorteil sind deutlich kürzere Algorithmen zum Tauschen zweier Kanten. Links zu guten Video-Tutorials für M2 bitte in die Kommentare…

Wer allerdings richtig schnell in Blind werden möchte, wird sich aber wohl komplett umorientieren müssen. Orozco und Eka heißen da die Suchworte. Beides Zwischenschritte bis zur Königsdisziplin, 3-Style. Aber das alles ist ein anderes Kapitel in einem anderen Buch, äh Blog, von einem anderen Autoren mit anderen Talenten. 😉

1 Kommentar zu „3×3 Blindlösen lernen – für Anfänger (Teil 2: Ecken)“

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